Wer an Paris im Herbst denkt, hat das Klischee im Kopf: Ein sanfter Spaziergang an der Seine und ein dampfender Café au Lait. Tja, vergesst das bitte ganz schnell. Mein 24. Oktober sah so aus: Der Himmel hatte die Farbe einer dreckigen Betonwand und statt Kaffeeduft lag eine bleierne, aufgeladene Schwüle in der Luft. Frankreich schlitterte in die nächste Protestwelle, und ich war mit der Kamera mittendrin. Ein unübersichtlicher Mix aus unterschiedlichsten sozialen Gruppen – von streikenden Studenten und Gewerkschaftern über frustrierte Schüler bis hin zu Splittergruppen kommunistischer Gruppen oder der „Gelbwesten“ – marschierte unter den Augen eines massiven Polizeiaufgebots quer durch die Hauptstadt. Behörden sprachen von etwa 110.000 Menschen auf den Straßen, während die Gewerkschaften die Zahl sogar auf eine Viertelmillion schätzten. Meine Kamera lief heiß, während ich die kilometerlangen Menschenmassen einfing, bei denen die Luft von Anfang an spürbar unter Strom stand.

Als das offizielle Demo-Ende an der Endstation Porte de Vincennes nahte, entlud sich die angestaute Energie radikal. Während es unermüdlich goss und das sprichwörtliche Pariser Vollbad von oben herabstürzte, braute sich auf dem nassen Asphalt eine völlig neue, hochexplosive Dynamik zusammen. Tausende junge, komplett in Schwarz gekleidete und maskierte Menschen sammelten sich im strömenden Regen. Es war das schlagartige Entstehen einer extremen Allianz: Radikale Kräfte aus dem linksextremen Spektrum verschmolzen nahtlos mit migrantischen Jugendlichen aus den Banlieues. Das Ziel war keine politische Botschaft mehr, sondern die reine Konfrontation und Krawalllust. Im Minutentakt wurden mit Hämmern und bloßen Händen Pflastersteine aus dem Boden gerissen,  und Barrikaden errichtet, worauf die Polizei sofort mit einer massiven Wand aus Wasserwerfern, Tränengas und Nebeltöpfen antwortete.

Ab diesem Moment lief die Dokumentation unter extrem erschwerten Bedingungen ab. Ein Auge klebte am Sucher, das andere fixierte alles, was direkt neben mir passierte – ab jetzt hieß es, mit allen Sinnen gleichzeitig auf Empfang zu sein. Die Situation war so unberechenbar, dass jede falsche Bewegung ins Auge gehen konnte. Du musst permanent den Kopf oben behalten, den Schutz vor dem Mund richten, um im beißenden Tränengas überhaupt noch Luft zu bekommen, und reflexartig die Flugbahnen um dich herum im Blick behalten. Überall flogen Pflastersteine, Pyrotechnik detonierte im Sekundentakt und die Gefahr, von irgendeinem schweren Querschläger im Chaos getroffen zu werden, war allgegenwärtig. Ich stand mittendrin in einer Art Kriegsgebiet, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe. Es war eine bedrohliche, nasse urbane Schlacht, die ich instinktiv und unter vollem Habachtstellung in Bildern festhalten musste, bevor die hereinbrechende Dunkelheit und der unaufhörliche, strömende Regen die Demonstranten schließlich zum Rückzug zwangen und die Sicht im dichten Nebel komplett versank.

Zwischen Plakaten und Pflastersteinen: Genau hier beginnt mein Blick auf diesen Tag – ganz bewusst mit den unspektakulären, geräuschlosen Bildern. Es sind diese leisen Aufnahmen, die im medialen Lärm meistens untergehen.

Gras-Garde

Badehandtuch Evergreen und Pop-Ikone: Che

… gabs später mit Knüppeln.

Hinter des Schaufensterfront: „Glücks- Kekse“

Logen-Nachbarn

Riot-Rave

Einsatz-Emoji

Verkehrs-Regler

Cyborgs

Pixeltrachten-Träger: Maßgeschneiderte Haute Couture für die rauen Events der Pariser Straße.

Dystopie-Dunst

 

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